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Rudolf Sagmeister Eichenberg mit Blick auf Bodensee © Anja Fontain

Kunstgenuss vs. Genusskunst

Rudolf Sagmeister zeigt internationalen Stars, wie’s bei uns schmeckt und wie man auf vorarlbergerisch kunstvoll genießt.

Vorarlberg Magazin
Kunstgenuss vs. Genusskunst

Kunstgenuss vs. Genusskunst

Rudolf Sagmeister

Ein Kurator, der sein Leben verwebt: Mit Kunst, mit Genuss und einem Vorarlberg-Gefühl, das Lust auf mehr macht. Rudolf Sagmeister zeigt internationalen Stars, wie’s bei uns schmeckt und wie man auf vorarlbergerisch kunstvoll genießt.

TEXT: PATRICIA ERNE


Rudolf Sagmeister – ein Unikat, ein Mensch und einer der weiß: Kunst ist Genuss und umgekehrt. Was dem Kunsthaus Bregenz (KUB) Kurator ganz besonders schmeckt? Das sind in erster Linie die einfachen Dinge, die für ihn die Besten sind. Auf gemeines Schischi und affektiertes Gehabe legt er hingegen wenig Wert – weder im echten Leben noch in der Welt der Farben, Formen und Lehren. Was man ihm hingegen immer servieren darf: Echte Kunst mit Biss sowie inspirierende Ein- und Aussichten, die Erlebnisse greifbar machen.

Und damit die gelingen, begibt sich Rudolf Sagmeister seit Jahren auf einen ganz besonderen Weg: auf den Vorarlberg-Weg. Und das nicht allein, sondern mit Künstlern und Künstlerinnen aus der ganzen Welt. “Es sind vor allem jene, die im KUB ausstellen”. Warum er das macht? “Mir war es immer schon ein großes Anliegen, dass nicht nur die Besucher deren Kunst sehen, sondern dass es auch umgekehrt ist: dass die Künstler sehen, wo sie hier ausstellen, wie wir leben und in welch wunderbarer Umgebung sie ihre Werke präsentieren. Vorarlberg ist ein Schatz – und den zeige ich sehr gerne”.

Rudolf Sagmeister mit Käse in Selbstbedienung © Anja Fontain / Vorarlberg Tourismus
Bergsennerei Lutzenreute mit Rudolf Sagmeister © Anja Fontain / Vorarlberg Tourismus

Ein Besuch mit den Künstlern bei der Bergsennerei Lutzenreute am Eichenberg darf nicht fehlen.

Doch dem 63-Jährigen geht es um weitaus mehr. Es geht ihm darum, Kunst und Genuss zu verbinden. Denn es ist genau das, wodurch er selbst lebt, was er erlebt und wie er durchs Leben geht. Wieviel Kultur Genuss verträgt und umgekehrt, fragen wir ihn. “Unendlich, und es wird immer besser! Man verfeinert sich selbst, wird immer intensiver. Und erkennt: die einfachen Dinge sind die Besten. Zum Beispiel frischer Käse auf frischem Brot – besser geht’s nicht. Mit guter Kunst verhält es sich genauso.” Klingt einfach, aber Einfaches ist auch einfach. Deshalb macht Rudolf Sagmeister auch Nägel mit Köpfen und fackelt nicht lange. Denn sein Vorarlberg, die Welt und Kunst sind ihm heilig. Und diese Schönheit will er auch zeigen, vorzeigen, aufzeigen.

Wie er das macht? Er bringt internationale Kunst und lokales Know-How auf den gemeinsamen Tisch, rührt einmal kräftig um und kredenzt seinen Schützlingen ein Feuerwerk an Kunstgenuss. Oder Freude an Kunst. Egal wie man es dreht und wendet: dieses Rezept schmeckt in der Regel herrlich – und zwar beiden Seiten! So hat Antony Gormley zum Beispiel im wunderschönen Bezau gewohnt, während der Vorbereitung seiner Landschaftsintervention “Horizon Field”. So wie Maria Eichhorn, die nach ihrem Schaffen in Vorarlberg dort später sogar mit ihrem Mann urlaubte. “Sie liebte die Gegend, nachdem sie sie gesehen hatte und war sofort inspiriert”, freut sich Sagmeister, “und brachte einen Nachbau eines Eichhörnchen-Holzkäfig aus dem Angelika Kaufmann Museum Schwarzenberg als Edition heraus und arbeitete mit dem Quellen-Michel aus Au zusammen”. So ging es auch Rosemarie Trockel, die sich in das beschauliche Schwarzenberg verliebte. “Entstanden ist eine Art Hommage an die Bregenzerwälder Juppe – die Skulptur „The Art Critic“. Tradition inspiriert, wie man sieht”.

Mir war es immer schon ein großes Anliegen, dass nicht nur die Besucher deren Kunst sehen, sondern dass es auch umgekehrt ist: dass die Künstler sehen, wo sie hier ausstellen, wie wir leben und in welch wunderbarer Umgebung sie ihre Werke präsentieren. Vorarlberg ist ein Schatz – und den zeige ich sehr gerne

Rudolf Sagmeister
Juppenwerkstätte Riefensberg (c) Rudolf Sagmeister
Rosemarie Trockel Monika Sprüth Rudolf Sagmeister in der Kirche Schwarzenberg 2014 Foto Yilmaz Dziewior

Aus Rudolfs Bildarchiv: Inspiration in der Juppenwerkstatt Riefensberg für ihre Skulptur "The Art Critic" von Rosemarie Trockel

Monika Sprüth, Rudolf Sagmeister, und Rosemarie Trockel in der Kirche Schwarzenberg

Auch Künstlerinnen wie Jenny Holzer, die mittels Xenon-Technik kritische Texte auf die Silvretta Staumauer oder die Pfarrkirche von Lech projizierte und die Einheimischen sowie die Ortsfeuerwehr zum Mitmachen bewegte. Rudolf Sagmeister hatte sie alle da – bei sich, bei uns, ganz nah an Vorarlberg dran und oft sogar mitten drin. “Dinos Chapman hat mit seiner Familie einen Skikurs am Pfänder besucht Und Simon Fujiwara musste ich ein Hotel suchen, wo er den Bodensee bestaunen kann. So kam es, dass er zweieinhalb Wochen im “Berghof Fritsch” in Lochau gewohnt hat und später sogar mit all seinen Freunden in Bezau noch urlaubte. Auch Doug Aitken kam nach unserer Ländle-Rundfahrt auf den Vorarlberg-Geschmack. Für Jeff Koons war die gotische kleine Kirche in Damüls ein Highlight. Ein riesen Ding war aber Larry Gagosian– er lud die Direktor*innen seiner größten Galerien und die wichtigsten Sammler und Sammlerinnen anlässlich der Ed Ruscha Eröffnung ins Hotel Bad Schachen ein und schmiss eine große Dinnerparty. Im Anschluss kamen sie mit dem Boot ins Kunsthaus Bregenz”.

Dass diese Geschichten und Begegnungen endlos weitergehen könnten, kann man sich vorstellen. Denn Rudolf Sagmeister macht das, was ihm am Herzen liegt, schon sehr lange: er verbindet die Schönheit unserer Region mit dem, was Vorarlberg ausmacht – und zeigt den internationalen Künstler und Künstlerinnen unsere Kunst. “Das geht von der Handwerkskunst über die Genusskunst bis zur Lebenskunst. Wir haben hier bei uns keine Metropole, sind kein Berlin oder New York. Aber das braucht es auch nicht, ganz im Gegenteil. Wenn ich in die staunenden Augen unserer Künstler-Gäste sehe, wird klar: Wahrer Kunst-Genuss braucht nicht viel. Wir in Vorarlberg dürfen uns über echte Erlebnisse freuen, eng verbunden mit der Natur. Bei der Eröffnung einer Sommerausstellung auf dem Schiff mit Sonnenuntergang, der seinesgleichen sucht. Mit einem Besuch im Werkraum Bregenzerwald. Oder durch das Zeit Verbringen auf einem Biobauernhof, aus dem dann eine „Unlimited Cheese Edition“ von Mika Rottenberg für das KUB hervorgeht”.

Handwerkskunst, Genusskunst, Lebenskunst: Das ist Vorarlberg

Rudolf Sagmeister Fesslerhof Eichenberg © Anja Fontain / Vorarlberg Tourismus

Genuss pur: kleiner Abstecher beim Fesslerhof

Man sieht, hört und merkt mit jeder Faser: Rudolf Sagmeister’s Leben ist verwebt – mit dem der Künstlerinnen und Künstler sowie seinem eigenen. Was er dabei immer im Blick hat: Egal, wie bekannt, berühmt oder “groß” die ausstellenden Namen sind – es sind immer noch ganz normale Menschen, die etwas Schönes erleben möchten. “Man muss auch mal die andere Seite sehen. Die Künstler kommen hierher, also nach Bregenz, teilen ihre Zeit mit uns, oft Monate ihres Lebens. Denn eine Ausstellung braucht nicht nur Vorbereitung, sondern auch die Zeit an sich und entsprechende Nachbereitung. Und dazwischen passiert – außer Arbeiten – nichts. Oder sagen wir, nicht viel. Es sei denn, wir zeigen ihnen, wie schön es bei uns ist. Oft kommen die Künstler und Kulturschaffenden aus großen Ballungsräumen, aus Metropolen. Kein See, keine Berge, keine oder nur wenig Tradition. Bei uns erleben sie, was zum Beispiel eine noch intakte, kleinteilige Lebensmittelproduktion ist. Was es heisst, gut, gerne und mit Zutaten vom Markt zu kochen. Dort einen Bodenseefisch auszusuchen. Oder vom Dach des Kunsthauses den atemberaubenden Ausblick auf das 3-Länder-Eck zu genießen. Eine Fahrt mit der Pfänderbahn, wandern zum Eichenberg und zu sehen, wie Mensch, Tier, Gasthauskultur und Architektur sich ergänzen. Hier bei uns ist noch vieles gut – und das ist gut so. Das will gesehen und gezeigt werden – zumindest ist das mein Verständnis. Und meine Leidenschaft”, freut sich Sagmeister.

Bei uns in Vorarlberg ergänzen sich Mensch, Tier, Gasthauskultur
und Architektur. Bei uns ist vieles noch gut

Warum der Kurator selbst eine derart große Affinität zu heimischem Handwerk und heimischer Genusskunst hat?

Das liegt an seiner Kindheit, seiner Welt, in der er damals aufgewachsen ist. Und an seinen Großeltern und Eltern, die ihm mitgegeben haben, was ihm heute wichtig ist: den Sinn, den Geist für’s Schöne, für das Erleben, für das Leben und den Genuss. “Viele kennen ihn noch: den Fabrikhof “Breganzia”. Frucht- und Gemüsekonserven, Honig, Marmelade, Schnäpse und feine Destillate – all das war Teil meiner Welt. Meine Mutter, meine Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten und mein Großvater stammen aus der Rupp Käse-Familie. Deshalb meine frühen und vielen Besuche der Berg-Sennerei “Lutzenreute” am Eichenberg und der Alp-Sennereien”, erzählt er uns.

Die Sennerei mit See- und Weitblick als prägender Punkt des Sagmeister’schen Genuss-Universums? “Ja, das kann man so sagen”, lacht der 63-Jährige. “Milch, Butter, Sauerrahm und Käse holen, den Käse herstellen – all das hat mich geprägt”. Seit 100 Jahren ist die Privatkäserei der Familie Rupp ein Name für Käsespezialitäten, die im Ländle ihresgleichen suchen. Hier gibt es ganz klar nur einen Star: die unbehandelte Heumilch, aus der der ursprungsgeschützte “Vorarlberger Bergkäse” gemacht wird. Rudolf Sagmeister zeigt das und die Tradition den Künstler*innen, mit denen er herkommt. “Ein Besuch, sozusagen bei mir zu Hause, darf natürlich nicht fehlen. Lutzenreute, der Bregenzerwald und die Lebensmittel-Produktion sind Teil meiner Kultur, unserer Kultur und Teil von dem, was mich ausmacht. Von hier aus lässt es sich außerdem herrlich erkunden – die Natur, die Wiesen, die Wälder und das Lebensgefühl einer weitgehend intakten Umwelt. Für mich ein inspirierender Ort, schon damals.“

Heute, in der Gegenwart, geht es ihm allerdings immer noch genau so wie damals: die Faszination für die Natur ist geblieben – und der Blick für’s Wesentliche auch. Im Hinblick auf Vorarlberg und unsere Region bedeutet das für ihn: erstklassige Handwerkskunst gepaart mit essbarer Genusskunst. “Und egal, wen ich durch’s Ländle führe: An guata Käs und an richtiga Speck, wie man auf Vorarlbergerisch sagt, dazu ein Obstler oder Williams-Schnaps sowie erstklassige Restaurants und echte Gastlichkeit öffnen Augen, Gaumen und nicht zuletzt auch (Künstler-)Herzen”.

Bergkäse anschneiden Sennerei Lutzenreute © Anja Fontain / Vorarlberg Tourismus
Senner Lutzenreute Eichenberg Käsekeller © Anja Fontain / Vorarlberg Tourismus

Ein Stück von Vorarlberg.

Der Senner Sebastian zeigt, wie Käse hergestellt und gelagert wird.

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Die Region

Bodensee-Vorarlberg

Beschwingt ist das Lebensgefühl in den lebendigen Kleinstädten Bregenz, Dornbirn, Hohenems und Feldkirch. Internationales Aufsehen wecken Festivals wie die Bregenzer Festspiele. Die moderne Architektur erstaunt. Neue Einblicke öffnen Museen. Zauberhaft zeigt sich die Natur am Bodensee und auf den Aussichtsbergen.

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