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Min Weag-Etappe 10, Arlberg, Kleinwalsertal (c) Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus

Die Gedanken wandern lassen

Rund um Vorarlberg wandern

Min Weag
Vorarlberg

Reportage

Erlebnisbericht Min Weag Vorarlberg

Der Rundwanderweg „Min Weag“ führt durch einige der schönsten Landschaften Vorarlbergs. Mit 31 Etappen ist er lang wie ein ganzer praller Sommermonat – eine wunderbare Auszeit vom Alltag. Unterwegs zu den stillen Sensationen, die nur die Natur erschaffen kann


TEXT: STEFAN NINK


Es war Sommer, und wir schauten abends Fußball im Berghotel Körbersee, tranken Zweigelt und sahen ab und zu aus dem Fenster, wo noch immer nichts zu sehen war. Nachmittags hatte es sich irgendwann zugezogen, die Wolken waren klammheimlich hinter uns aufgetaucht, jetzt hingen sie knapp über dem Boden und verdeckten die Welt. Es waren schöne Wolken, blütenweiß, zuckerwattig, schwerelos, sie schwebten zaghaft über dem See, als trauten sie sich nicht zu nah ans kalte Wasser. Im Fernsehen fiel ein Tor. Die Italiener jubelten, und es folgten ziemlich viele Zeitlupen und noch eine Runde Zweigelt, und als wir anschließend aus dem Fenster sahen, waren die Wolken verschwunden. Alle. Komplett.

Beim Wandern in den Bergen gibt es wenige Dinge, die faszinierender sind als ein plötzlicher Wetterwechsel. Wenn hinter einer undurchdringlichen Nebelwand plötzlich so ein Bildbandpanorama auftaucht – als seien die Wolken bloß Kulissen gewesen, die nun jemand zur Seite geschoben hat. Wir sind sofort alle hinaus, an den See und in die Sonne. Haben uns in alle Richtungen gedreht, die Kühe fotografiert und flache Steine über
den See flitzen lassen. Dann sind wir wieder hinein ins Hotel, um unsere Weingläser zu holen. Der Wegweiser Richtung Tal glitzerte, als sei er versilbert worden.

Min Weag-Etappe 9 © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus
Min Weag-Etappe 9 © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus
Min Weag-Etappe 9 © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus

Oben auf dem Pass war‘s still, als habe jemand dem Tag den Ton abgedreht

„Min Weag“: So heißt der Wanderweg, der in 31 Etappen einmal rund um Vorarlberg führt. Es gibt kürzere Etappen und längere, leichte und anstrengende, flache, abschüssige, steile, es gibt eigentlich von allem etwas. Der Name ist Vorarlberger Dialekt und bedeutet „Mein
Weg“. Er führt durch Täler und stille Gebirgsorte, quert toskanisch anmutende Hügellandschaften und schraubt sich hinauf auf Gipfel, er schlängelt sich um Gebirgsseen herum und über schroffe Grate. Anders gesagt: Er ist so abwechslungsreich wie das Bundesland
Vorarlberg. Das Schöne ist: Man kann überall einsteigen, nur einen Tag wandern, zwei oder auch mehr. Und wenn man sich jeden Tag eine Etappe vornimmt, dann ist man ganz genau einen Sommermonat lang auf ihm unterwegs.

Min Weag-Etappe 9 (c) Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus
Min Weag-Etappe 10 © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus

Dieser Weg ist das Ziel: In gemütlichen Schlangenlinien laufen ist hier durchaus erwünscht.

Das Berghotel Körbersee steht zwischen den „Min Weag“-Etappen 9 und 10. Aufgebrochen sind wir frühmorgens im Kleinwalsertal, dessen Namensgeber vor rund 700 Jahren hier ankamen, eine alemannische Volksgruppe auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die Walser machten das unwirtliche Tal nutzbar, indem sie nicht gegen, sondern mit der Natur arbeiteten; die damaligen Herrscher gewährten den neuen Siedlern dafür Steuerfreiheit. Also blieben sie und sind bis heute da, Kultur und Sprache der Walser sind noch immer lebendig. Und wenn man an einem frühen Morgen von Mittelberg aufbricht, dann ist es, als sähe man das Tal mit den Augen dieser mittelalterlichen Wanderer: Wie der Morgennebel die Spitzen der Tannen umgarnt. Wie die Steinböcke und Gämsen auf den Steilflächen nach Halt suchen. Wie die weißsilbernen Wasserfallbänder über die Flanke des Bärenkopfs stürzen.

Das Wasser begleitet einen auf dieser Etappe, überall strömt und plätschert und donnert es. Im Bärgunttal kann man zusehen, wie Steine und Stämme seinen Lauf ändern, wie es sich im Bach unvermittelt staut, weiß schäumt, sich gegen den nächsten Fels schmeißt, wieder aufschäumt, erneut staut, immer wieder, immer
weiter. Nachschub kommt von vielen kleinen Wasserfällen, die wie flüssige Fäden von den Berggipfeln hängen. All das zusammen verbindet sich zu einem Rauschen, das das Tal erfüllt bis in den letzten Winkel und damit scheinbar die ganze Welt.

Oben auf dem Pass war es dann, als habe jemand dem Tag den Ton abgedreht. Ein Vogel zwitscherte, irgendwo, sonst herrschte Stille. Noch nicht einmal der Wind war zu hören, aber der war auch weiter oben damit beschäftigt, die Wolken aufzustacheln, die sich dann hinter uns zu stapeln begannen. Wolken beim Wandern haben oft etwas Magisches. Manchmal sieht man sie auf sich zukommen, dicht und weiß und kompakt, und man fragt sich, was passiert, wenn sie
einen erreichen. Wenn sie dann da sind und um einen herum, nimmt man sie gar nicht mehr wahr. Die Sicht wird trüb, die Brille beschlägt, mehr passiert eigentlich nicht. Einen Moment später ist die Wolke weitergezogen und sieht wieder undurchdringlich aus. Dann kommt die nächste. Und die übernächste. Irgendwann spricht man dann von schlechtem Wetter. Und freut sich auf sein Hotel.

Der nächste Morgen schlich sich nur allmählich in die Welt der Gipfel und Täler, ganz vorsichtig, ganz behutsam, als traue er sich nicht. Er war hell und gleißend; die Sonne pinselte Goldlack an die Flanken der Berge. Wir liefen um den Körbersee, und dann blieben wir erst einmal stehen: Unmittelbar hinter dem Wasser erwartete uns eines dieser eindrucksvollen Bergpanoramen, bei denen es einem immer den Atem verschlägt, weil man sich zwei, drei Schritte zuvor noch nicht vorstellen konnte, wie dramatisch sich das Tal vor einem öffnen würde. Die komplette Welt schien man sehen zu können an diesem Morgen, wie herausgefallen aus einem „Die schönsten Berge der Welt“-Kalender. Die Wiesen mit ihren Blumen sahen aus, als habe dort oben jemand eimerweise Konfetti ausgekippt. Und überall waren Kühe, und nirgendwo war Mensch.

Min Weag-Etappe 10 © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus

Der Weg führte durch Weideland, viel sanftes Grün zwischen Gipfelgrau

Lag natürlich auch an „Min Weag“: Etappe 10 ging nicht nach rechts hinunter ins Panorama, sondern schwang sich nach links weg wie jemand, der ein bisschen Bammel vor dem Abstieg hat. Anschließend führte der Weg dann flach und eben durch gewelltes Weideland, dessen sanftes Grün sich wunderbar abhob vom Grau der schroffen Gipfel und Grate um es herum. Vorarlberg sah aus, als habe die Schöpfung zuerst all die Gipfel abgesetzt und anschließend lange überlegt, mit was man so eine Szenerie am besten auflockern könnte. Warum eigentlich gibt es Landschaften, die so vollkommen wirken, als seien sie künstlich geschaffen? Warum ist das so? Man würde das gerne die Berge fragen, weil man weiß, dass sie die Antworten auf solche Fragen kennen. Allerdings weiß man auch, dass die Berge für ihr Schweigen bekannt sind. Das machen sie schon etwas länger.

Später, einige Stunden später, saßen wir auf einer Bank und schauten hinunter nach Lech, dem Zielpunkt von Etappe 10. Saßen da und sahen zu, wie sich eine dicke, offenbar völlig ausgehungerte Hummel über die Bergblumen direkt neben uns hermachte und sich eine Blüte nach der anderen vornahm. Saßen einfach da. Sahen einfach zu. Als ob wir durch ihre Betrachtung das Verstreichen der Zeit hätten erfassen können. Als ob wir für einen Moment hinausgetreten wären aus dieser Welt.

Lech lag im Tal, als habe es sich seinen Platz nach langen Beratungen und in Absprache mit den Bergen gesucht, zwischen den grünen Flanken von Rüfikopf, Omeshorn und Kriegerhorn, im Schoß der Hänge, geborgen, beschützt, gut aufgehoben. Wenn der Weg bis hierhin wie Schweben war, dann schienen die letzten Kilometer beinahe wie Fliegen. Hin und wieder blickten wir zurück, sicherheitshalber. Da war nur noch blauer Himmel. Was denn auch sonst.

Min Weag-Etappe 9, Contact © Peter Mathis / Vorarlberg Tourismus

Min Weag Vorarlberg

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